"Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg, weil sie ihre Arbeit viel günstiger anbieten. Deshalb sollten wir weniger oder keine Ausländer mehr aufnehmen."


Einordnung der Position

Das Argument, dass Ausländer Arbeitsplätze für Deutsche wegnehmen, ist eines der hartnäckigsten Behauptungen von Zuwanderungsgegner*innen. Nicht erst seit den hohen Geflüchteten Zahlen der letzten Jahre, sondern schon seit der Zeit der Gastarbeiter*innen in den 1960er Jahren begegnet man regelmäßig dieser Behauptung. Der Effekt von Zuwanderung auf den Arbeitsmarkt nimmt in der Diskussion über Migration nach Deutschland eine zentrale Rolle ein. Die langfristigen Auswirkungen von Zuwanderung in dem Maße wie sie seit 2015 in Deutschland stattfindet sind theoretisch noch unklar und konnten empirisch noch nicht überzeugend untersucht werden.

Pikanterweise sind es jedoch eben diese Effekte, welche in der öffentlichen Debatte von Relevanz sein sollten.

Im Folgenden soll deshalb dargestellt werden, welche Argumente Zuwanderungsbefürworter*innen und –gegner*innen ins Feld führen, wie stichhaltig die Argumente sind, und auf welchen normativen Grundlagen sie jeweils basieren.


Konkurrenz für deutsche Arbeitskräfte

Einwanderungsgegner*innen führen in dieser Diskussion meist Argumente von Lohn- und Verdrängungseffekten an. Unglücklicherweise werden diese Argumente häufig stark vereinfacht ausgedrückt, in Sätzen wie “Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg”. Mit diesen Argumenten wird versucht, die Behauptung zu untermauern, dass Einwanderung eine nachteilige Konkurrenz für einheimische Arbeitnehmer*innen darstellt. Fest steht, dass Befürchtungen von Verdrängungseffekten nicht unbegründet sind. Nach einer Revision des “Wohnortzuweisungsgesetzes” 1996 wurden Spätaussiedler*innen von der Regierung über deutsche Landkreise verteilt. Die Effekte dieser Zuwanderung können daher nicht auf ökonomische Anreize in den jeweiligen Regionen zurückgeführt werden. Stattdessen wurde innerhalb dieser Rahmenbedingungen festgestellt, dass für zehn Spätaussiedler*innen, die zwischen 1996 und 2001 in westdeutsche Landkreise einwanderten und eine Beschäftigung fanden, kurzfristig etwa drei Einheimische ihren Job verloren oder keinen fanden. Besonders sehr junge und alte Arbeitnehmer*innen waren von diesem Verdrängungseffekt betroffen.[1] Diese – wenn auch geringen – Verdrängungseffekte bestätigen also die genannte Behauptung: Zugezogene Arbeitnehmer*innen können prinzipiell Arbeitsplätze, die vorher von anderen besetzt wurden, „wegnehmen“.
Was spricht für die rechtspopulistische Position? In dieser Spalte wird aufbereitet, wie Rechtspopulist*innen argumentieren könnten.
 

Neue Arbeitsplätze braucht das Land

Was du der rechtspopulistischen Argumentation entgegenhalten kannst, findest du in dieser Spalte.

Auf faktischer Ebene entgegnen Einwanderungsbefürworter*innen meist Argumente, die den Fachkräftemangel und die Herausforderungen des demographischen Wandels ansprechen. Dabei berufen sie sich darauf, dass der deutsche Sozialstaat früher oder später ohnehin auf Zuwanderung angewiesen ist, um fortbestehen zu können. Sie widersprechen also den Behauptungen der Einwanderungsgegner*innen, dass Zuwandernde den Inländer*innen Arbeitsplätze wegnehmen. Dabei führen sie zunächst oft die rechtlichen Regelungen der Arbeitserlaubnis für Flüchtlinge an: Für Geflüchtete besteht anfänglich ein striktes Arbeitsverbot, die Vorrangprüfung sichert eine fälschliche Vergabe eines Arbeitsplatzes und grundsätzlich bestehen große Hürden zur Anerkennung von ausländischen Diplomen und Abschlüssen.

Diese Argumente finden auf der Gegenseite aber kaum Anklang, was vermutlich den eher unpräzisen Behauptungen von Arbeitsplatzklau zuzuschreiben ist. Dies lässt darauf schließen, dass es nicht (primär) die jüngst eingetroffenen Geflüchteten sind, welche derartige Sorgen hervorrufen. Vielmehr sind es EU-Mitbürger*innen aus Ländern, welche erst durch die EU-Erweiterungen 2004 (Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn und Zypern) und 2007 (Bulgarien und Rumänien) zu diesem Status kamen, die Verdrängungssorgen auslösen. Somit ist es potenziell sinnvoller, diesen Befürchtungen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, denn auch diese lassen sich aufheben.

Grundsätzlich gilt, dass große Teile des Dienstleistungssektors in Deutschland ohne die Arbeit von Migrant*innen nicht fortbestehen könnten. Sie sind eher als Deutsche bereit, lange und ungewöhnlich liegende Arbeitszeiten für oft geringe Löhne zu akzeptieren. Hinzu kommt, dass Nichtdeutsche als Arbeitnehmer*innen in diesem Arbeitsmarktsegment stärker von der strukturbedingten Arbeitslosigkeit bedroht sind, die durch Rationalisierungsmaßnahmen zustande kommt. Somit kann zum einen der Konkurrenzdruck für einheimische Arbeitnehmer*innen nicht allzu groß sein. Es liegt außerdem nahe, dass florierende Arbeitsmärkte im Niedriglohnbereich zur Stabilität in darüber liegenden Arbeitsmarktsegmenten beitragen. Zum anderen untermauern sie durch ihre Dienstleistungen in den niedrigeren Arbeitsmarktsegmenten weitestgehend die darüber liegenden Segmente.[2]

Den zuvor erwähnten Verdrängungseffekten lässt sich nicht nur begegnen, indem man die unrechtmäßig erhobenen Besitzansprüche auf Arbeitsplätze überdenkt. Auch aktuelle Studien besagen, dass derartige Verdrängungseffekte nur vorkommen, wenn der Anteil von Zuwanderer*innen im entsprechenden Arbeitsmarktsegment einen Anteil von 15% übersteigt. Das bedeutet, dass ein Arbeitsmarktsegment Zuströme unter einer gewissen Obergrenze ohne negative Lohn- oder Verdrängungseffekte für die Einheimischen verkraften kann.[3] Darüber hinaus beobachtete eine zwischen 1991 und 2008 in Dänemark durchgeführte Studie, dass durch Zuwanderung von Ausländer*innen und deren Einstieg in den Arbeitsmarkt, geringqualifizierte einheimische Arbeitnehmer*innen in produktivere und anspruchsvollere Jobs wechselten. Die einheimischen Arbeitnehmer*innen waren dabei weder von Lohn- noch von Verdrängungseffekten betroffen.[4] Allerdings betrugen die Zahlen der Einwandernden in dem angegebenen Zeitraum jährlich lediglich zwischen 20.000 und 40.000. Das relativiert einen Vergleich mit der Situation in Deutschland und erschwert das Übertragen der Ergebnisse. Wie sich der deutsche Arbeitsmarkt an den jährlich sehr viel höheren Zuwachs an Geflüchteten anpassen wird, bleibt also abzuwarten. Eine gleichmäßige, regionale Verteilung von Einwanderer*innen kann dabei laut weiterer Studien[5] dazu beitragen, dass der Arbeitsmarkt sich an das erhöhte Arbeitsangebot durch Einwanderung ohne signifikante negative Auswirkungen für die einheimische Erwerbsbevölkerung anpassen kann.[6]


Zwischenfazit

Es lässt sich also bisher zusammenfassen, dass die Behauptung ,,Ausländer*innen nehmen Deutschen die Arbeitsplätze weg“ so nicht aufrecht erhalten werden kann. Tatsächlich ist es eher der Fall, dass sie Arbeitsplätze in Bereichen einnehmen, die Deutsche wegen der ungünstigen Arbeitsbedingungen ungern besetzen. Trotzdem: Da die Auswirkungen
des jüngsten, starken Zuwachs an potenziellen Arbeitskräften noch unterforscht sind, kann nicht abschließend ausgeschlossen werden, ob es nicht teilweise doch zu Verdrängungseffekten kommen kann. Was bedeutet das? Sollten also präventiv weniger Ausländer*innen aufgenommen werden, um etwaigen Nachteilen für deutsche Arbeitskräfte vorzubeugen?

Deutsche Jobs zuerst den Deutschen

Was also, wenn es tatsächlich belegbare Verdrängungseffekte durch zugezogene Arbeitnehmer*innen gibt (aus welchem Grund auch immer: möglicherweise weil sie besser qualifiziert sind oder weniger Lohn fordern als die „verdrängten“ Einheimischen)? Wenn das der Fall ist, und man gleichzeitig der Meinung ist, dass der deutsche Staat primär die Aufgabe hat, seinen eigenen Staatsbürger*innen ein hinreichendes Arbeitseinkommen zu ermöglichen und erst sekundär für Arbeit von Zuwanderern sorgen sollte, dann kann man plausibel Zuzug (der Verdrängung auslöst) ablehnen.

Damit diese Argumentation plausibel bleibt, muss man außerdem der Aussage zustimmen, dass immer wenn deutsche Arbeitnehmer*innen von Arbeitslosigkeit betroffen sind, kein neuer Zuzug stattfinden sollte. Dieses Argument kann eine Beschränkung von Migration, bzw. ein Vorrecht von Deutschen auf verfügbare Arbeitsplätze, rechtfertigen. Die dahinterliegende Empfindung fußt meist in der Überzeugung, den Mitmenschen, denen man sich emotional verbunden fühlt, den Vorrang vor anderen Menschen, die sich außerhalb dieses Kreises befinden, zu geben. Viele Menschen sind nämlich eher bereit für die eigene Familie auf etwas zu verzichten und sich für deren Wohlergehen einzusetzen, als für eine fremde Person.

Manche schließen daraus, dass dieses intuitiv nachvollziehbare Argument auch auf souveräne Staaten zutrifft. Die eigenen Staatsbürger werden in diesem Fall als “Familie” betrachtet, der zuerst geholfen werden muss - weil man das bei der eigenen Familie auch tun würde - und dann erst anderen Menschen und Gruppen, sofern noch Ressourcen übrig sind. Dieses Phänomen wird auch als Nahbereichs Altruismus bezeichnet. Verfechter*innen dieser Argumentation sind der Überzeugung, dass es ganz normal ist, den eigenen Mitmenschen, denen man sich verbunden fühlt, vorrangig zu helfen. Wer zu dieser Gruppe von Menschen mit vorrangigen Ansprüchen auf Hilfe gehört, denen man sich verbunden fühlt und dessen Wohlergehen einem am Herzen liegt, variiert. Manche ziehen die Grenze der Ausgrenzung bei der Staatsbürgerschaft, während andere entlang der Ethnie ausschließen und somit nur “Deutschen”, deren Vorfahren schon Deutsche waren haben, ein Vorrecht zugestehen.

Was spricht für die rechtspopulistische Position? In dieser Spalte wird aufbereitet, wie Rechtspopulist*innen argumentieren könnten.

 

Das Grundgesetz erlaubt kein „Vorrecht für Deutsche“!

Was du der rechtspopulistischen Argumentation entgegenhalten kannst, findest du in dieser Spalte.

Diese Position ist allerdings problematisch, weil ihre normative Grundlage nicht mit den Grundregeln unseres Zusammenlebens vereinbar ist. Diese Grundregeln sind im Grundgesetz (GG) festgelegt. Artikel 1 des GG legt fest, dass die Würde des Menschen unantastbar ist (Absatz 1). Artikel 3 besagt weiterhin, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sein sollen (Absatz 1), also dass niemand wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden darf (Absatz 3).[7] Diese und weitere Grundrechte bilden die Grundlage für die weitverbreitete Gegenansicht, dass jedem Menschen die gleichen Chancen gegeben werden soll und niemand wegen seiner Herkunft diskriminiert werden soll. Ein Vorrecht auf Arbeitsplätze für Deutsche – und nicht wie üblich eine Entscheidung nach beruflicher Qualifikation – widerspricht den oben genannten Grundrechten. Die Unveräußerlichkeit dieser Grundrechte beruht darauf, dass eine Person, die nichts verbrochen hat und aus politischen Gründen um ihr Leben fürchten musste, auch dieselben Chancen haben soll, sich ein neues Leben aufzubauen wie ihre deutschen Mitbürger*innen. Anders ausgedrückt: Alle, die einen legitimen Asylgrund vorweisen können, sollten nach der Anerkennung des Asylgrundes nicht benachteiligt werden.

Wer das als ungerecht empfindet, dem*der sei ans Herz gelegt, sich bewusst in die Lage eines Menschen hineinzuversetzen, der sein Land verlassen musste. Der in ein fremdes Land kommt, dort alle Regeln befolgt, aber aus willkürlichen Gründen bei der Suche eines Arbeitsplatzes strukturell diskriminiert wird. Wer sich das vorgestellt hat, sollte anschließend noch einmal darüber nachdenken, ob er*sie weiterhin der Überzeugung ist, Ausländer*innen am Arbeitsmarkt zu diskriminieren, sei rechtfertigbar. Die auf einer Verteidigung von gleichen Chancen am Arbeitsmarkt beruhende Überzeugung ist, dass jeder Mensch, der die Gesetze des Landes befolgt und seinen Pflichten als Bürger*in nachkommt, auch dieselben Rechte besitzen sollte und gleich behandelt werden sollte wie jede*r andere. Das Ausschlusskriterium für den Arbeitsmarkt sollte Gesetzestreue sein, nicht Herkunft oder Ethnie. Bei legalem Aufenthalt im Land müssen den neuen Mitbürger*innen dieselben Rechte und Pflichten zugestanden werden wie Staatsbürger*innen (ausgenommen reine Staatsbürgerrechte wie das Wahlrecht).


Fazit

Es lässt sich somit auf zwei Ebenen gegen die Aussage argumentieren, dass Ausländer*innen den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen und folglich nicht mehr ins Land gelassen werden sollten. Zum einen basiert die Aussage auf einer sehr strittigen Annahme. Ausländer*innen konkurrieren nämlich oft gar nicht um Arbeitsplätze mit deutschen Arbeitskräften. Viele werden stattdessen in Branchen aktiv, die für viele Deutsche unattraktiv sind und die ohne ausländische Arbeitskräfte vermutlich brach liegen würden. Außerdem scheinen aktuellen Studien zufolge viele Arbeitsmarktsegmente deutlich robuster zu sein, als in dieser Aussage angenommen: negative Verdrängungseffekte für deutsche Arbeitnehmer*innen finden selbst bei Zuwanderung neuer Arbeitnehmer*innen kaum statt; der demographische Wandel und der damit einhergehende Arbeitskräftemangel lassen grüßen.

Darüber hinaus, selbst wenn es teilweise zu Verdrängung deutscher Arbeitnehmer*innen kommen sollte, stellt dies keinen guten Grund dar, Asylbewerber*innen nicht nach Deutschland zu lassen. Das Grundgesetz, auf dem unser Zusammenleben in Deutschland basiert, verbietet eine Diskriminierung aufgrund von Herkunft oder Ethnie. Der Grund: Menschen, die gerechtfertigterweise in Deutschland Asyl gewährt bekommen, sollten auch die Möglichkeit bekommen, sich hier ein neues Leben aufzubauen. Nur so kann Integration funktionieren, was wiederum wichtig ist, um Kriminalität unter Zugezogenen vorzubeugen. Wer hingegen keine Aufenthaltsberechtigung bekommt, der*die darf in Deutschland auch nicht arbeiten und stellt somit keine Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt dar.


Quellen

[1] Glitz, Albrecht (2012): The Labor Market Impact of Immigration: A Quasi-Experiment Exploiting Immigrant Location Rules in Germany. Journal of Labor Economics, University of Chicago Press, vol. 30(1), 175 – 213

[2] https://www.aktion-zivilcourage.de/Braune_Parolen_Parole_Auslaender_nehmen_uns_die_Arbeitsplaetze_weg_bzw_Arbeit_zuerst_fuer_Deutsche_.471d1769/ ,abgerufen am 17.06.2017

[3] Braun, Sebastian & Omar Mahmoud, Toman (2014): The Employment Effects of Immigration: Evidence from the Mass Arrival of German Expellees in Postwar Germany. The Journal of Economic History, vol. 74, 69-108

[4] Foged, Mette & Peri, Giovanni (Im Erscheinen): Immigrants' Effect on Native Workers: New Analysis on Longitudinal Data. American Economic Journal: Applied Economics. Diskussionspapier abgerufen am 17.06.2017 von http://ftp.iza.org/dp8961.pdf

[5] Glitz, Albrecht (2012): The Labor Market Impact of Immigration: A Quasi-Experiment Exploiting Immigrant Location Rules in Germany. Journal of Labor Economics, University of Chicago Press, vol. 30(1), 175 – 213

[6] Braun, Sebastian & Omar Mahmoud, Toman (2014): The Employment Effects of Immigration: Evidence from the Mass Arrival of German Expellees in Postwar Germany. The Journal of Economic History, vol. 74, 69-108

[7] http://www.gesetze-im-internet.de/gg/index.html#BJNR000010949BJNE001601305