“Integration funktionierte noch nie. Warum sollte sie jetzt funktionieren? Deshalb sollten keine Migrant*innen aufgenommen werden, die sich erst in die deutsche Gesellschaft integrieren müssen.”


Einordnung der Position

Der letzten Volkszählung im Jahre 2011 zufolge leben in Deutschland rund 6 Millionen Ausländer*innen und zusätzlich 9 Millionen deutsche Mitbürger*innen mit Migrationshintergrund. Zu der zweiten Gruppe gehören Spätaussiedler*innen, eingebürgerte Ausländer*innen sowie in Deutschland geborene deutsche Mitbürger*innen mit mindestens einem Elternteil aus dem Ausland. Diese 15 Millionen stellen 19 Prozent der deutschen Bevölkerung dar. Dieser Wert hat sich seit den 60er Jahren knapp verzehnfacht.

Die Hauptgruppen der in Deutschland lebenden Migrant*innen sind aufgrund des Wiederaufbaus nach Deutschland gekommen. Weitere gesellschaftliche Gruppen sind nach dem Zerfall der Sowjetunion nach Deutschland migriert oder haben infolge von Kriegen in Deutschland politische Zuflucht (Asyl) gefunden. Die erfolgreiche Integration dieser Gruppen in Bildung, Politik und Kultur ist entscheidend, und zwar sowohl für die zugezogene Generation als auch für deren Folgegenerationen.

Denn: Funktioniert schon die Integration der ersten Generation nur mangelhaft, so fehlt die Grundlage einer gesellschaftlichen Beteiligung in diesen Feldern auch bei der nachfolgenden Generation. Gelingt hingegen die Integration der ersten Generation, so ist es deutlich wahrscheinlicher, dass auch die Folgegeneration gut integriert ist.

Nun, fast 60 Jahre nach der ersten Gastarbeiterbewegung, wurde vom Präsidenten der Türkei ein Referendum abgehalten, durch welches er deutlich an Macht gewann. Abstimmen hierfür durften die Bürger der Türkei sowie die im Ausland lebenden Türken. 66 Prozent der in Deutschland lebenden Deutsch-Türken stimmten für das Ermächtigungsgesetz in der Türkei – und somit gegen grundsätzliche politische Werte, die in Deutschland im Grundgesetz festgeschrieben sind, wie unter anderem die Presse- und Meinungsfreiheit. Ist das ein Signal, dass die Integration in Deutschland gescheitert ist?


Integration der Gastarbeitergeneration gescheitert! Wieso sollte es anders laufen?

Das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung liefert interessante Einblicke in die Lage der Integration in Deutschland und präsentiert zahlreiche Beispiele gescheiterter Integration.[1] Zusammenfassend kommen die Autoren zum Schluss, dass Migrant*innen in Deutschland eine schlechtere Bildung genießen, häufiger arbeitslos sind und seltener am öffentlichen Leben teilnehmen als Deutsche. Bei rund 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund stellt dies eine problematische Entwicklung dar. Die umfassende Studie kommt weiterhin zum Schluss, dass Migrant*innen aus dem ehemaligen Jugoslawien, afrikanischen Ländern und speziell aus der Türkei mangelnde Integrationsbereitschaft zeigen. Der unzureichende Erfolg der Integration türkischstämmiger Migrant*innen in Deutschland lässt sich auch mit Zahlen untermauern. Beispielsweise drückt sich das in der mangelnden Bereitschaft unter türkischen Migrant*innen aus, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen – nur 32 Prozent haben diesen Schritt bisher unternommen. Knapp ein Drittel der türkischen Migrant*innen hat keinen Schulabschluss, gerade einmal 14 Prozent haben das Abitur. Der Anteil an Arbeitslosen ist höher als der Durchschnitt in Deutschland, weniger Frauen gehen arbeiten und es besteht eine vergleichsweise hohe Abhängigkeit von Sozialleistungen. Auch in der dritten Generation sind Bildungs- und Beschäftigungsniveau deutlich niedriger als unter Einheimischen. Außerdem ist die Vermischung mit der Mehrheitsgesellschaft in der jüngeren Generation sehr gering. So finden 93% der Eheschließungen innerhalb der türkischen Gemeinschaft statt.
Was spricht für die rechtspopulistische Position? In dieser Spalte wird aufbereitet, wie Rechtspopulist*innen argumentieren könnten.
 

Integration funktioniert wenn sich beide Seiten bemühen

Was du der rechtspopulistischen Argumentation entgegenhalten kannst, findest du in dieser Spalte.

Zur Beantwortung der Frage, ob die Integration von Migrant*innen gescheitert ist, ist nicht nur die Beschreibung des gegenwärtigen Zustands ein entscheidendes Kriterium für die Beurteilung. Notwendig ist eine kritische Einschätzung der politischen Integrationsbemühungen um die Migrant*innen der ersten Generation, denn erfolgreiche Integration setzt Bemühungen beider Seiten voraus. Wie anfangs erwähnt, ist der Erfolg der ersten Generation ausschlaggebend für den der Folgegenerationen. So ist es gerade in Bezug auf den Integrationswillen von Migrant*innen entscheidend, Mittel und Wege anzubieten , welche die Integration in eine Gesellschaft erleichtern.

Das Bildungssystem der 1960er- und 1970er-Jahre war nicht auf den Anstieg der Zahl ausländischer Kinder*innen ohne Sprachkenntnisse vorbereitet; es fehlten der Wille und die Ausrichtung zur Integration dieser Kinder und der Gastarbeiter*innen. Der Grund: Man ging davon aus , dass die Familien vollständig zurückkehren würden. Zu Beginn der 1970er-Jahre fand der Schulunterricht somit in der Muttersprache statt, um die Rückkehroption für ausländische Kinder offen zu halten. Diese Tatsache ist ein Faktor für den größtenteils ausbleibenden schulischen Erfolg der Migrantenkinder, die im schulpflichtigen Alter nach Deutschland kamen. Zudem weisen sie eine niedrigere Erwerbsbeteiligung auf und sind überproportional oft als Arbeiter*innen tätig. Dadurch, dass die Kinder durch den Status ihrer Eltern sozioökonomisch determiniert waren, wurde die Möglichkeit einer erfolgreichen Integration erschwert und auf nachfolgenden Generationen verschoben. Zusätzlich existieren während des Bildungsweges noch weitere Barrieren zu einer vollständigen Integration. Mangelnden Sprachkenntnissen erschweren den schulischen Erfolg und lassen eine Empfehlung für Gymnasien und Realschulen unwahrscheinlicher werden. Aufgrund dieser Barrieren erlangen ausländische Schüler*innen deutlich seltener mittlere und höhere Bildungsabschlüsse, als es bei deutschen der Fall ist. Dies wirkt sich natürlich kausal auf die Erwerbsbeteiligung aus.

Das Problem der Integration ist somit noch ein systematisches Problem, welches politisch gelöst werden muss. Die Forderung nach einer besseren Integrationspolitik wird durch das Wahlverhalten der Migranten bestätigt: Viele Deutsch-Türken oder auch russischstämmige Migrant*innen wählen vorwiegend die SPD, Grüne oder Linke aufgrund ihrer migrations-freundlichen Einstellung. Somit kann argumentiert werden, dass der Wille zur Integration besteht; politisch hingegen werden diejenigen, die sich integrieren wollen, denen die Ressourcen jedoch fehlen, nicht vollständig bestärkt.


Kritik an Integration macht einen nicht zum Flüchtlingshasser

Vor dem oben beschriebenen Hintergrund scheint es plausibel, dass die Behauptung, Integration sei vielerorts gescheitert, auch mit Fakten untermauert werden kann. Eine zu große Anzahl an Menschen, die nicht fähig und willens sind, sich in die Gesellschaft zu integrieren, kann zu schwerwiegenden Problemen des sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhalts führen. Menschen, die nun angesichts der aktuellen Flüchtlingssituation vor den Herausforderungen warnen und in Frage stellen, ob die Integration hunderttausender neuer Mitbürger*innen tatsächlich funktionieren kann, treffen damit einen wunden Punkt. Integration funktioniert tatsächlich nicht immer und passiert vor allem nicht automatisch ohne umfassende Integrationsmaßnahmen, wie Sprachkurse und Weiterbildungen. Um diese Position zu vertreten, muss man keinesfalls ein kategorischer Gegner von Zuwanderung sein. Integrierte Zuwanderer können weiterhin als Bereicherung angesehen werden. Jedoch gilt: Vor dem Hintergrund der oben präsentierten Fakten kann jemand, der Integration als gescheitert ansieht, recht plausibel die Forderung untermauern, dass der Staat das Recht haben sollte, integrationsunwilligen Menschen die Zuwanderung zu erschweren oder sie abzuschieben.
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Gezielte Integration ist erfolgreiche Integration

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Integration hingegen kann auch positiv verlaufen. Eine Studie des Bundesministeriums für Migration und Flüchtlinge konstituiert, dass sich der Anteil deutsch-türkischer Angestellter auf 11 Prozent erhöht hat und das pro Kopf Einkommen um 200 Euro gestiegen ist. Eine effektive Integrationspolitik kann die Entstehung von Parallelgesellschaften verhindern, da sich durch gesellschaftliche Teilhabe soziale Netzwerke in andere Kulturen erschließen. Kulturelle Stärken, wie das Beherrschen mehrerer Fremdsprachen und das Wissen über anderen Kulturen, kann für viele Kinder von Vorteil sein. Statistisch gesehen haben Kinder, die mehrsprachig erzogen wurden, tendenziell mehr zusätzliche Sprachen gelernt als Kinder, deren Zweitsprache Englisch war. Weiter kann die Erziehung mit anderen kulturellen Werten Synergie erzeugen und muss nicht zwangsläufig zur Spaltung führen. Beispiel hierfür ist vor allem die Förderung von Konvergenzprogrammen: In Münster wurde zum Beispiel ein Institut für Islamforschung begründet, welches sich mit der Exegese des Korans auseinandersetzt.

Die negativen Seiten der Integration wiegen zwar bei der Beobachtung schwer und werden vom Großteil der Bevölkerung gesehen, jedoch macht das Integration per se nicht negativ. Die beschriebenen Veränderungen sind auch ohne ein umfassendes politisches Integrationsprogramm zu Stande gekommen. Eine Erweiterung könnte hingegen eine Emanzipierung über die soziale Determiniertheit dieser Menschen führen. Vor diesem Hintergrund aus kann man die Position vertreten, dass eine partikuläre Integrationspolitik genau den Menschen schaden könnte, die nicht befähigt sind sich selbstständig zu integrieren, was wiederum den Großteil der gesellschaftlichen Kreise der Migrant*innen betrifft.

Voraussetzungen müssen geschaffen werden

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die teilweise gescheiterte Integration auch das Ergebnis politischen Versagens ist und nicht ausschließlich auf die Integrationsunwilligkeit von Migrant*innen zurückgeführt werden kann. Die Verantwortung für eine funktionierende Integration Migrant*innen allein zu geben vernachlässigt die politischen, sozialen und ökonomischen Komponenten der Integration, die diese erst ermöglichen.

Integrationskritiker*innen sind also weiterhin berechtigt, sich über gescheiterte Integrationsmaßnahmen zu beschweren. Doch um den Prozess in Zukunft erfolgreicher zu gestalten, sind auch sie angehalten, sich für integrative Maßnahmen auf allen Ebenen einzusetzen. Die Frage wie nachhaltig und effektiv die Integration der Geflüchteten in Deutschland sein wird, bleibt somit offen – abhängig ist sie jedoch von allen Seiten.


Quellen

[1] Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2009). Ungenutzte Potentiale: Zur Lage der Integration in Deutschland. http://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Zuwanderung/Integration_RZ_online.pdf,