„Der Islam rechtfertigt Gewalt gegen Andersgläubige. Deshalb sollten weniger muslimische Geflüchtete aufgenommen werden - oder keine.“

Einordnung der Position

In den letzten Jahren wurden verstärkt vermeintliche Negativbeispiele über muslimische Geflüchtete verbreitet – über soziale Netzwerke, aber auch durch mündlich überlieferte Geschichten. Teilweise wurden diese Beispielfälle von lokalen Medien schlechtgeprüft wiedergegeben. In den Geschichten werden stammtischtaugliche Einzelfälle beschrieben, in denen – angeblich – muslimische Geflüchtete Gewalt an Andersgläubigen ausüben. Häufig sind diese Einzelfälle schwer nachzuprüfen. Falls der Hintergrund doch mal genauer geprüft wurde, stellt sich schnell heraus wie viele Falschmeldungen im Netz kursieren.[i] Dennoch, die Masse an verbreiteten Einzelgeschichten führt dazu, dass Angst vor muslimischen Geflüchteten geschürt wird – weit über parteiliche Grenzen hinweg. Zudem gibt es tatsächlich Fälle, in denen islamische Prediger Gewalt gegen Andersgläubige zumindest billigen, wie beispielsweise Abou-Nagie[ii], der Gewalt gegen Ungläubige rechtfertigt.

Um das größere Narrativ, vor welchem diese Einzelgeschichten angeführt werden, und welches sie umgekehrt weiter bestärken, soll es jetzt gehen. Laut diesem Narrativ sind die einzelnen Fälle nämlich kein Zufall. Vielmehr passieren sie zwangsläufig. Der Grund: Ganz einfach, der Islam rechtfertige, ja, fordere vielleicht sogar Gewaltauswüchse gegen Menschen nichtmuslimischen Glaubens. Gerade darum sei unsere Angst vor muslimischen Geflüchteten gut begründet, sodass wir weniger von ihnen aufnehmen sollten. Besser noch: gar keine mehr!

Im Folgenden geht es darum, den Kern der oben genannten Position zu untersuchen, also: Rechtfertigt der Islam tatsächlich Gewalt gegen Andersgläubige? Oder ist das eine Unterstellung? Und gegeben wir haben darauf eine halbwegs vernünftige Antwort gefunden: Was bedeutet das dafür, ob und wie viele muslimische Geflüchtete aufgenommen werden sollten?


Der Islam lässt sich instrumentalisieren

Vor allem nach den Anschlägen in jüngster Zeit (z. B. in Paris, Nizza, Berlin), deren Urheber*innen mehr oder weniger eng mit dem „Islamischen Staat“ (IS) verbunden sind, fühlen sich viele Menschen verunsichert und verängstigt. Gleichzeitig ist der Koran für diese Menschen schwer einzuschätzen. Von Extremist*innen wird er als Stimme gesehen, der es Wort für Wort zu folgen gilt (tatsächlich ist der Koran eher, wie die Bibel auch, eine Mitschrift; dazu später mehr). Hinzu kommt, dass es schwierig bis unmöglich ist, eine allgemeingültige Übersetzung zu finden. Wie in anderen Religionen auch, existieren durch verschiedene Auslegungen und Übersetzungen verschiedene Richtungen der Religion. Verunsicherung und Angst führen jedoch dazu, dass häufig die extremen Auslegungen pauschalisierend auf alle Muslim*innen projiziert werden, sodass folgende Argumentation entsteht.

Koransuren, die Gewalt rechtfertigen, werden von islamistische Extremisten als Propagandamittel genutzt. Zum Beispiel findet man Sure 9:5: „Sind die heiligen Monate abgelaufen, dann tötet die Beigeseller \[Götzendiener\], wo immer ihr sie findet, ergreift sie, belagert sie, und lauert ihnen auf aus jedem Hinterhalt.“ Außerdem heißt es in Sure 9:29: „Kämpft gegen die, die nicht an Gott glauben und auch nicht an den Jüngsten Tag (...), bis sie erniedrigt den Tribut aus der Hand entrichten.“ Diese Textstellen zeigen laut Kritiker*innen, dass der Islam Gewalt gegen Andersgläubige rechtfertige. Das Argument hinter der Position ist also ganz einfach:

Diese gewaltsamen Textstellen stehen im Koran, also sind sie Teil des islamischen Glaubens. Sie werden von Muslimen tatsächlich genau so verstanden und auch in die Tat umgesetzt. Folglich rechtfertigt der Islam Gewalt gegen Andersgläubige und ruft sogar aktiv dazu auf.

Was spricht für die rechtspopulistische Position? In dieser Spalte wird aufbereitet, wie Rechtspopulist*innen argumentieren könnten.
 

Koranstellen werden der Zeit angepasst genauso wie konservative Bibelstellen angepasst werden

Was du der rechtspopulistischen Argumentation entgegenhalten kannst, findest du in dieser Spalte.

Obwohl es korrekt ist, dass diese Suren so im Koran zu finden sind, lässt sich dem einiges entgegenstellen. Es sind nämlich gerade diese Stellen, die unbedingt im Kontext gelesen werden sollten. Islamwissenschaftler*innen argumentieren, dass die historischen Umstände berücksichtigt werden müssen: Der Koran ist eine Mitschrift und eben keine Stimme. Das heißt, dass nicht jede Aussage darin für Zeiten über den Entstehungskontext hinaus gültig sein muss. Die meisten Muslime haben das auch verstanden, und darüber hinaus wurde das auch schon immer so „gelebt“. So sind „Götzendiener“ in der Geschichte des Islam nie systematisch verfolgt worden. Erst heutzutage instrumentalisiert unter anderem der IS diese Aussagen, um seine Taten zu rechtfertigen und zu verherrlichen.

Außerdem ist der Koran kein Buch, in dem es nur Textstellen in diese Richtung gibt. An anderen Stellen des Koran wird darauf hingewiesen, dass das Töten eines Menschen wie das Töten aller wirkt, wie in Sure 5:32 zu finden: „Wenn jemand einen Menschen tötet, der keinen anderen getötet, auch sonst kein Unheil auf Erden gestiftet hat, so ist‘s, als töte er die Menschen allesamt.“

Durch den Ausruf des „Islamischen Staats“ hat die innerislamische Diskussion an Popularität gewonnen. Das zeigt, dass die meisten Muslime nicht mit der Propaganda des IS übereinstimmen. Der Drang zur Diskussion war bislang jedoch nicht so akut, wie er es jetzt ist. Nun wird vermehrt versucht, ein einheitlicheres Bild der Koraninterpretation zu erschaffen. Unter anderem versuchen 126 konservative Religionsgelehrte aus der ganzen islamischen Welt durch einen Brief, der sich mit den Positionen von Abu Bakr al-Baghdadi (dem Gründer des IS) auseinandersetzt, die theologischen Aussagen des IS zu wiederlegen und zu entlarven. Sie kritisieren Tötungsdelikte und versuchen den Dschihad in einer anderen Form darzustellen. Diese Bewegungen stehen für die große Mehrheit der Muslime, die nicht mit der Anwendung von Gewalt gegenüber Andersgläubigen einverstanden sind.

Ein letzter wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang: Fast alle religiösen Schriften beinhalten Sätze, die außerhalb des (historischen) Kontextes missverstanden werden können. Denn: Fast alle religiösen Schriften weisen Textstellen auf, die veraltet sind und in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr funktionieren. Zum Beispiel wurden die Aussagen über Homosexualität in der Bibel erst innerhalb der letzten Jahrzehnte an unsere heutige Gesellschaftsform angepasst. So heißt es beispielsweise in Lev 20,13 „Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen.“. Doch Aussagen dieser Art werden heutzutage von der überwiegenden Mehrheit der Christen in den historischen Kontext gesetzt. Trotzdem gibt es noch extreme Christen, die auch diese Passage wörtlich verstehen. Das bedeutet aber nicht, dass die Position „Das Christentum rechtfertigt Gewalt gegen Homosexuelle“ korrekt ist. Genauso verhält es sich mit der Position, dass der Islam Gewalt gegen Andersgläubige rechtfertigt.

Stellen, die Gewalt rechtfertigen

im Koran:

47:35: „… und ladet ( Juden und Christen) nicht ein zum Frieden, während ihr die Oberhand habt“

9:5: „Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Ungläubigen, wo ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf!“

9:29: „Kämpft gegen die, die nicht an Gott glauben und auch nicht an den Jüngsten Tag (...), bis sie erniedrigt den Tribut aus der Hand entrichten.“

in der Bibel:

5. Mose 7,1-2: „Der Herr, euer Gott, wird euch in das Land bringen, das ihr in Besitz nehmen sollt. Dort wird er mächtige Völker vertreiben und euch ihr Land geben: die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter – sieben Völker, die größer und stärker sind als ihr. Der Herr, euer Gott, wird sie euch ausliefern. Ihr sollt sein Urteil an ihnen vollstrecken und sie töten. Verbündet euch nicht mit ihnen, und erzeigt ihnen keine Gnade!“

4. Mose 31, 3.7.9-10.14-15.17-18: „Und Mose wurde zornig über die Hauptleute des Heeres ... und sprach zu ihnen: "Warum habt ihr alle Frauen leben lassen? ... So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern, und alle Frauen, die nicht mehr Jungfrauen sind; aber alle Mädchen, die unberührt sind, die lasst für euch [für Sex bzw. für Sklavendienste]leben."

Stellen, die Gewalt verbieten

im Koran:

21: „Wir [Gott] haben dich [Mohammed] lediglich als Barmherzigkeit für alle Welten entsandt“ -> Der Lesart des Korans soll Barmherzigkeit zugrunde gelegt werden.

5:32: „Wenn jemand einen Menschen tötet, der keinen anderen getötet, auch sonst kein Unheil auf Erden gestiftet hat, so ist‘s, als töte er die Menschen allesamt.“

in der Bibel:

Paulus 1. Korinther 13,13: "Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe."

Matthäus 5, 43-45: "Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet.


Das friedliche Zusammenleben in Deutschland soll nicht bedroht werden

Unabhängig davon, ob der Islam Gewalt rechtfertigt oder nicht, kann eine aggressive Grundeinstellung einiger Muslime oft nicht verleugnet werden. So weist eine Studie vom „Centre national de la recherche scientifique“ (CNRS) darauf hin, dass in Frankreich ein Drittel der jungen Muslime Gewaltbereitschaft zeigt. In westlichen Gesellschaften hingegen ist es breiter Konsens, dass Gewalt abgelehnt wird. Gewaltanwendung ist die Ausnahme und wird nur unter bestimmten Voraussetzungen als rechtfertigbar oder entschuldbar angesehen. Insbesondere als Mittel zur Überzeugung im Konflikt wird Gewalt strikt abgelehnt. Dieser scheinbare Kontrast zwischen westlichen Überzeugungen und einigen Muslim*innen nährt Argumentationsstränge wie den folgenden:

Mohammed hat Gewalt gelehrt und ausgeübt. Gerade junge Muslime orientieren sich an ihm und sind in der Folge gewaltbereit. Daher ist der nicht-reformierte Islam keine Religion des Friedens und gefährdet ein friedliches Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionszugehörigkeiten. Der Koran müsste vielleicht in seinem textlichen und historischen Kontext gelesen werden. Extremisten machen das aber nicht, sondern berufen sich auf einzelne Suren, um ihr Handeln zu begründen. Diese Lesart des Korans ist Grundlage für Missbrauch: Der „Islam“ wird als Religion, Rechtsquelle, Ideologie, politische Kampfkultur und antiwestliche Propaganda benutzt. Die Ergebnisse der Studie von CNRS und anderen Studien sind also kein Zufall. Der Islam wird eben häufig so radikal ausgelegt und gelebt. Das sieht man auch an vielen deutschen Moscheen, in denen teilweise Hassprediger zu Gewalt aufrufen.

Was spricht für die rechtspopulistische Position? In dieser Spalte wird aufbereitet, wie Rechtspopulist*innen argumentieren könnten.

 

Muslimische Mitbürger bedeuten nicht mehr Gewalt

Was du der rechtspopulistischen Argumentation entgegenhalten kannst, findest du in dieser Spalte.

Man kann nicht leugnen, dass es islamistische Hassprediger gibt, die den gewaltsamen Teil des Islam in den Vordergrund stellen und eine traditionelle Auslegung predigen. Allerdings kann man das nicht über die Mehrheit der Muslime in Deutschland behaupten. Erst Mitte Juni protestierten mehrere tausend Muslime gegen Gewalt, um damit ein Zeichen für ein friedliches Miteinander zu setzen.

So ist es vor allem die Gewalt islamistischer Extremisten und Fanatiker, die sie aus ihren Heimatländern fliehen lässt. Ein Zuzug dieser Muslime bedeutet eher, dass weniger radikale Auslegungen des Korans auch in Deutschland an Einfluss gewinnen.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass nicht der Islam als Religion die Gewalt gegen Andersgläubige rechtfertigt, sondern höchstens einige organisierte, religiöse Institutionen. Islamisten überspitzen die Inhalte des gängigen Islamverständnisses und radikalisieren sie. Die große Mehrheit der Muslime lehnt dieses Verständnis allerdings ab. Unter vielen Geflüchteten ist die Ablehnung dessen vermutlich besonders groß, immerhin fliehen sie gerade vor radikaler gelebten Auslegungen.

Faktencheck

Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zeigt: Je stärker sich junge Migranten an Glauben gebunden fühlen, desto gewaltbereiter sind sie. (23,5% sehr religiöse, 19,6% religiöse Jugendliche).[iii]

Dieselbe Studie sagt aber auch, dass dieser Unterschied nur unter Männern signifikant ist. Vergleicht man weibliche Jugendliche miteinander zeigt sich zwischen Muslimen und Christen kein Unterschied. Das wirft die Frage auf, ob Männer zu familiärem Dominanzverhalten erzogen werden, da diese Einstellung tief im Islam verankert ist. Auch hier geht eine Veränderung mit der Modernisierung des Islam einher.[iv]


Zwischenfazit

Sowohl im Koran als auch in der Bibel gibt es Stellen, die zu Gewalt aufrufen oder sie zumindest billigen. All diese Stellen stehen im Widerspruch zu unserer heutigen Weltanschauung, zu unserem geteilten moralischen Kompass. Sie bedeuten aber nicht, dass deswegen der Islam oder das Christentum, und somit alle Muslim*innen oder alle Christ*innen, Gewalt rechtfertigen oder propagieren. Im Gegenteil: Die große Mehrheit beider Religionen lehnen Gewalt ab. Zudem muss man berücksichtigen, dass sich Religionen mit der Zeit entwickeln, so auch der Islam und das Christentum. Für so eine Entwicklung muss über Religion diskutiert werden – das findet innerhalb des Islams statt. Radikale Auslegungen, die den Koran wörtlich nehmen und den Fokus dabei auf einige gewaltrechtfertigende Stellen lenken, werden dabei zunehmend zurückgedrängt. Und es gibt zahlreiche weitere positive Entwicklungen.

So eröffnete zum Beispiel Mitte Juni eine Moschee in Berlin, in der Frauen und Männer zusammen beten und das Gebet auf Deutsch vorgetragen wird. Kurzum: Auch der Islam verändert sich, aber das ist ein langwieriger Prozess. Abneigung, Abschottung und Dämonisierung werden diesem Prozess allerdings nur im Wege stehen, weil sie einen Grund zu gegenseitiger Abgrenzung liefern.

Was ist also zu tun? Man könnte den bisherigen Argumenten entgegenhalten: Einige wenige schwarze Schafe reichen aus. Besser, wir lassen also gar keine Muslime mehr rein, dann besteht auch nicht die Gefahr, dass wir solche ins Land lassen, die doch glauben, Gewalt gegen Andersgläubige sei rechtfertigbar. Im Folgenden geht es um dieses Argument – und natürlich um Gegenargumente.


Sicherheit und Wohlbefinden sollen nicht beeinträchtigt werden

Wer trotz obiger Argumente stark verunsichert ist, verängstigt ist vor dem Islam und vor muslimischen Geflüchteten, könnte folgendermaßen argumentieren:

Dadurch dass so viele muslimische Geflüchtete nach Deutschland kommen, ist auch klar, dass sich darunter auch einige befinden, die Gewalt gegen Andersgläubige für legitim halten. Die daraus folgende Zunahme von Gewalt, die man in verschiedenen Anschlägen auch schon erlebt hat, gefährdet die innere Sicherheit des Landes. Die Präsenz von ausgeübter Gewalt lässt darüber hinaus das bislang empfundene Sicherheitsgefühl und Wohlbefinden vieler sinken. Am besten wäre es also, muslimische Geflüchtete nicht mehr in Deutschland aufzunehmen, so könnte man diese Gefährdungssituation entschärfen. In höchster Not sollen, wenn überhaupt, nur ganz wenige aufgenommen werden, die dann aber eingehend kontrolliert werden sollten, und deren Überzeugungen genau nachgeprüft werden sollten.

Diese Argumentation lässt sich zunächst einmal, ganz trivial, darauf zurückführen, dass Gewalt und Angst vor Gewalt, und somit gefühlte oder tatsächliche Gefährdungssituationen als unangenehm empfunden werden, während einem Sicherheitsgefühl ein großer Wert zugeschrieben wird. Genauer: Die vermeintliche steigende Gefährdungssituation im eigenen Land wird für schlimmer erachtet, als die Gefährdungssituation, in der sich Geflüchtete befinden. Dieses Argument setzt also voraus, dass das eigene Bedürfnis nach Sicherheit schützenswerter ist, als das Sicherheitsbedürfnis von Geflüchteten. Diese unterliegende Wertung lässt sich vor allem auf ethische Schulen zurückführen, in denen Unparteilichkeit kein essentieller Bestandteil ist. Vielmehr basieren diese Wertungen auf eher partikularistischem Denken: Das eigene Wohl, und das Wohl derer im direkten Umfeld wird für wichtiger empfunden, als das Wohlergehen anderer.

Grundsätzlich ist das eine nachvollziehbare Position. Die Frage ist aber, wie viel wichtiger einem das eigene Wohlergehen ist? Ist es auch rechtfertigbar, das eigene Wohl voranzustellen, wenn kleine Einschränkungen im eigenen Befinden ausreichen würden, um anderen Menschen große Steigerungen in deren Wohlergehen zu ermöglichen?

Was spricht für die rechtspopulistische Position? In dieser Spalte wird aufbereitet, wie Rechtspopulist*innen argumentieren könnten.

 

Auch Flüchtlinge verdienen ein Gefühl der Sicherheit

Was du der rechtspopulistischen Argumentation entgegenhalten kannst, findest du in dieser Spalte.

An dieser Stelle lässt sich somit dagegen argumentieren: Fluchtbewegungen finden gerade dann statt, wenn das Bedürfnis vieler Menschen nach Sicherheit und Wohlbefinden in ihrer bisherigen Heimat in erheblichem Maße verletzt wurde und nicht mehr gewährleistet ist. Aus dieser hilflosen Situation, in welcher man sich selbst kein Gefühl der Sicherheit mehr beschaffen kann, resultiert ein besonderes Sicherheitsbedürfnis der flüchtenden Menschen. Hinzu kommt, dass viele Muslim*innen, die als Geflüchtete nach Deutschland kommen, vor anderen, radikaleren Muslim*innen fliehen. Dramatisch ausgedrückt: Sie haben ihr bisheriges Leben aufgegeben, um nicht gemäß einer radikalen Auslegung des Islams leben zu müssen. Dieses Bedürfnis nach Sicherheit äußert sich unabhängig von Religion oder Nationalität. Geflüchteten also aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit keinen Schutz zu gewähren, erscheint besonders grausam. Auch dann, wenn das eigene Wohlergehen durch das Gewähren von Schutz etwas beeinträchtigt werden sollte.

Diese Argumentation lässt sich von mehreren ethischen Grundpositionen und moralischen Ratgebern verteidigen. Zunächst einmal geht die deutsche Verfassung davon aus, dass alle Menschen gleichberechtigt sind. Eine Differenzierung zwischen Schutzbedürftigen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit würde demnach eine Diskriminierung darstellen und wäre somit nicht verfassungskonform.

Zudem hat der deutsche Staat die Aufgabe den Einzelnen dort zu schützen, wo er schutzbedürftig ist. Geflüchtete sind aufgrund ihrer Situation besonders schutzbedürftig. Der Einwand, dass sie mangels deutscher Nationalität keinen Schutz in Deutschland verlangen können oder dass sie sich nicht auf deutsche Grundrechte berufen können, ist nicht konform mit der allgemeingültigen Menschenwürde. Gleichermaßen Schutzbedürftige verdienen gleichberechtigten Schutz.

Dass neben dem Sicherheitsbedürfnis deutscher Staatsbürger*innen auch das Sicherheitsbedürfnis Nichtdeutscher von Bedeutung ist, entspricht außerdem christlichen Werten. So entspricht es der christlichen Überzeugung, seinem Nächsten Empathie und Mitgefühl, sowie Hilfe und die Gewährung von Schutz anzubieten. Das Gebot, Notleidenden zu helfen, ist einer der wichtigsten Grundüberzeugungen des Christentums.


Fazit

Im Koran kommen Passagen, in denen es um Gewalt und Krieg geht, ähnlich häufig vor wie in der Bibel. Denkt man an die Hexenverbrennungen oder Kreuzzüge, die mit Verweis auf das Wort Gottes in der Bibel begangen wurden, so lässt sich festellen, dass solche Passagen der Bibel als Legitimation für Gewalt benutzt wurden - und von einigen verblendeten Christ*innen immer noch verwendet werden. Dennoch widerstrebt es der großen Mehrheit, alles Schreckliche und Falsche, das im Namen des Christentums von Christ*innen begangen wurde, allein oder primär der christlichen Religion zuzurechnen.

Vielmehr findet eine Differenzierung statt. Die Gewalt, die von Christen ausgeübt und mit ihrer Religion legitimiert wurde, wird stets in unmittelbarem Zusammenhang mit anderen, materiellen und weltlichen Interessen gesehen. Wenn man es also für falsch erachtet, die Gewaltsamkeit der europäischen Kultur dem christlichen Glauben zuzuordnen, verbietet es sich ebenso, diese Logik auf den Islam und den nahöstlichen Kulturkreis anzuwenden.

Das heißt: Sowohl die christliche, als auch die muslimische Lehre erlauben vielerlei Auslegungen, sie lassen sich zu unterschiedlichen sozialen Problemen in Beziehung setzen und können dabei auf verschiedene Arten genutzt werden. Dabei können sie auch so interpretiert werden, dass sie die Ausübung von Gewalt rechtfertigen. Unmittelbar und zwangsläufig damit verknüpft sind sie jedoch nicht.

Die differenzierte Auseinandersetzung mit christlichen religiösen Schriften, die in Europa bereits in den vergangenen Jahrhunderten stattgefunden hat, und die sich daraus ergebende, auf Toleranz aufbauende Haltung gegenüber christlich Gläubigen, gilt es nun auf den Islam und seine Glaubensanhänger*innen zu übertragen. In den letzten Jahren hat diese Bewegung innerhalb des Islams an Popularität gewonnen. Islamwissenschaftler*innen aller Auslegungsrichtungen arbeiten zusammen, um Ihren Glaube von dem mit ihm in Verbindung gebrachten Terror zu trennen.